Aus der Geschichte unseres Verbandes:

Aktualisiert und übernommen aus „Blasmusik in Baden“.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Prof. Dr. Wolfgang Suppan und des Verlags Bohne & Schulz, Konstanz.

Im Jahr 1906 erfolgte in Achern die Gründung des Mittelbadischen Musikverbandes, der die Vereine des Raumes zwischen Oberkirch – Renchen – Kehl – Rastatt zusammenfasste. Doch spalteten sich 1928 die um Kehl (Hanauerland) und im Acher-Renchtal gelegenen Vereine von diesem Mittelbadischen Blasmusikverband ab, um kleinere, überschaubare Einheiten zu bilden. Im Bühlertal entstand damals der Yburg-Windeck-Verband, der sich dem Bund Südwestdeutscher Musikvereine anschloss. Zudem reichte der ehemalige Hardt-Musikverband in den Bereich des heutigen Blasmusikverbandes Mittelbaden. Eingeladen von Hans Schwarzkopf, trafen sich die Vereine der Region am 15. Januar 1950 in der Museums-Gaststätte in Rastatt, um die Wiedergründung des Musikverbandes Mittelbaden zu vollziehen. Sechsundzwanzig Kapellen erklärten spontan ihren Beitritt und wählten H. Schwarzkopf zum Präsidenten und Alfons Kirsch sen. zum Verbandsdirigenten. Noch im selben Jahr schloss sich der Verband dem Bund Badischer Musikverbände in Freiburg an. Bereits 1951 löste Stabsmusikmeister a. D. Arthur Ellbogen, Baden-Baden, den bisherigen Verbandsdirigenten ab und begann mit Schulungskursen auf Verbandsebene. Das erste Verbandsmusikfest fand 1952 in Rastatt solchen Anklang, dass sich Ende dieses Jahres bereits 51 Musikkapellen im Musikverband Mittelbaden organisiert hatten. Die Jahreshauptversammlung 1952  wählte Willi Eich, Gaggenau, zum Präsidenten, doch schon 1956 erfolgte ein neuerlicher Wechsel in diesem Amt: Kurt Ehrlacher, Rastatt, trat an die Spitze des Verbandes. Beim 2. Verbandsmusikfest in Bietigheim, 1956, nahmen 18 Kapellen am Wertungsspiel teil.

Im März 1960 übernahm Klaus Volk, Baden-Baden, für den schwer erkrankten Präsidenten Ehrlacher die Führung der Verbandsgeschäfte, um 1963 zum Präsidenten gewählt zu werden. Es folgten ihm 1973 Herbert Knaupp, Rastatt, und 1976 Peter Brenner, Elchesheim-Illingen. Brenner führte den Verband 26 Jahre lang und gab im Frühjahr 2002 sein Amt an Dietmar Späth, Muggensturm, ab.

Für die musikalische Arbeit im Verband zeichneten verantwortlich Erhart Baumheier, Alfons Kirsch jun., Werner Haberstroh und Peter Fister. Nach einer Übergangsphase liegt die musikalische Führung heute in den Händen eines Musikbeirates unter dem Vorsitz von Joachim Heck und Monika Gutmann als dessen Stellvertreterin.

Verbandsmusikfeste fanden statt:


1952 in Rastatt

1956 in Bietigheim

1961 in Bühl-Kappelwindeck

1965 in Gaggenau-Ottenau

1970 in Rastatt

1975 in Bühl

1982 in Ötigheim

1990 in Rastatt-Wintersdorf

1995 in Gaggenau-Ottenau

Dem Blasmusikverband Mittelbaden gehören 72 Musikkapellen an. Naturgemäß sind es auch in diesem Verband die alten (Reichs-) Städte, denen einst das Privileg verliehen worden war, Trompeter und Hornisten (als Stadt-Türmer, als klingende Heraldik) einzustellen und in deren (para-)militärischen Einheiten sehr früh Spielmannsgruppen, Pfeifer-, Trommler-, Harmonie- oder Türkische Musiken in Erscheinung traten. Bühl, Gaggenau, Gernsbach, Kuppenheim und Rastatt sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Die Stadtkapelle Bühl etwa nennt als Gründungsjahr 1758. In Baden-Baden und Rastatt entfalten zudem die badischen Fürsten ihre Hofhaltung, in deren Rahmen die hohe Kunst blühte. Die Musikpflege „auf dem Lande“ entwickelte sich im Ausstrahlungskreis solcher Zentren als Abbild fürstlicher oder städtischer Zeremonial-Musik.

Folgende Gründungsdaten liegen vor:


1811 Kappelwindeck

1830 Ottersweier

1843 Forbach

1851 Unzhurst

1852 Steinbach

1855 Bermersbach

1862 Bühlertal

1863 Gernsbach

1877 Michelbach

1879 Hörden

1886 Bad Rotenfels

1891 Muggensturm

1892 Obertsrot

1894 Baden-Lichtental

1895 Ottenau-Gaggenau

1896 Baden-Baden-Geroldsau 1900 Neuweier

1901 Bietigheim, Hügelsheim

1902 Kuppenheim, Rastatt, Schwarzach

1904 Vimbuch

1905 Bischweier, Oberweier 1906 Rauental

1907 Plittersdorf

1909 Varnhalt

1911 Eisental

1912 Würmersheim

1913 Altschweier, Selbach

1920 Baden-Baden-Oos, Gaggenau, Sulzbach

1921 Gausbach, Illingen, Sandweier, Staufenberg, Loffenau

1922 Au am Rhein, Haueneberstein, Ötigheim, Waldprechtsweier

1923 Baden-Baden-Balg, Sinzheim

1924 Hilpertsau, Langenbrand, Weisenbach,  Lichtenau

1925 Iffezheim, Lautenbach, Ottersdorf, Wintersdorf

1926 Balzhofen, Elchesheim

1928 Moos, Winden

1951 Steinmauern

1952 Söllingen

1953 Au im Murgtal

1954 Stollhofen

1955 Reichental

1957 Weitenung

1968 Hundsbach 

 

Die Entfaltung des zivilen Blasmusikwesens:


Zu den ältesten „Landkapellen“ des Gebietes zählt die von Kappelwindeck, spätestens seit dem Jahr 1911 spielten die Falk-Musikanten aus dem Ortsteil Riegl in dem Fürsten- und Modebad Hub den Kurgästen auf. Der Straßburger Patrizier Friedrich Kampmann hatte das Bad damals ausbauen lassen, die Kappelwindecker Tafel- und Tanzmusik gehörte zu den Attraktionen des Hub-Bades. Die Kappelwindecker Chronik weiß zu berichten, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts vier Blaskapellen im mittelbadischen Raum bestanden: Neben der Kappelwindecker, die von Bühl, Kappelrodeck und Ottersweier. Großvater, Vater und Sohn Herminingild, bis 1865, anschließend der Lehrer Adam Linz, genossen als Dirigenten hohes Ansehen, so dass die Gemeinde stets gern die nötige finanzielle Unterstützung beisteuerte. Einer der drei Gutmann-Kapellmeister, nämlich Richard, übte zugleich mit dem Dirigentenamt auch das des Bürgermeisters aus. 1911 feierte man das 100-jährige Bestehen im Rahmen eines Musikfestes, an dem 30 Blaskapellen am Wertungsspiel teilnahmen – und die Stadtkapelle Villingen-Schwenningen den ersten Preis errang. 2.700 Reichsmark hatten Kappelwindecker Vereine und Bürger gespendet, um dieses Fest so glanzvoll gestalten zu können. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass in Ottersweier bereits um 1830 eifrig musiziert wurde. Im nahen Hub-Bad gab es ein eigenes „Dantzhaus“, im Gasthof zum Ochsen traf sich die Jugend zu Tanz und Unterhaltung. Im nahen Baden-Baden bestritt die Kapelle gegen Ende des vorherigen Jahrhunderts manches Kurkonzert. Doch um 1900 kam es zu Unstimmigkeiten zwischen den Musikern, man trennte sich in die Kögel- und Lorenzkapelle, bis 1907 Bernhard Lorenz als Dirigent die Musiker wieder vereinen und bis 1940 erfolgreich leiten konnte. 1923 schloss sich die Kapelle der Feuerwehr an, bis mit Rudi Flierl im Jahr 1975 ein Musiker des Schneebiegel-Ensembles die „Original Burg-Windeck-Musikanten“ im modernen „Trachten-Look“ und eigengeprägtem „Sound“ daraus macht. Die Musikkapelle Forbach feierte das 90-jährige Bestehen im Jahre 1933 mit einem „Gaufest-Konzert“, an dem 15 Kapellen teilnahmen. Die musikalische Leitung hatte Gau-Kapellmeister Ringleb. Angefangen hatte es in Forbach 1842 mit einer Blechmusik, der Louis Werner – wie man sich noch heute erzählt – „unerbittlich und streng“ vorstand. Das Sextett erregte vor allem durch seine regelmäßigen Gastspiele im Schwabenland (auf der „Schwobe Kirwe“) – und die damit verbundenen lustigen Streiche Aufsehen. 1884/49 gab es dann einige Schwierigkeiten, doch schon 1850 fand man sich in alter Einigkeit wieder zusammen. Im Jahr 1880 entstand unter der Leitung von Ludwig Werner eine richtige Blaskapelle in Forbach.

Nicht anders als in Forbach vollzogen sich die Entwicklungen des Musiklebens in Bermersbach: Zunächst – spätestens seit 1855 – gab es eine kleinere Musikgruppe, die bei Hochzeiten und beim Patrozinium im Dorf, aber auch darüber hinaus, zum Tanz aufspielte. 1891 zeigt eine Fotografie, dass acht Musiker, zwei Holz- und sechs Blechbläser, unter einem Dirigenten ernsthaft „an die Arbeit“ gingen. Alle Instrumente waren Eigentum der Musiker, jeder hatte bei seinem Eintritt in die Kapelle 5 Mark zu erlegen. Die Liste der Dirigenten führt Kaspar Rosenfelder an, ihm folgte Christian Jäger, Oboist, im Infanterie-Regiment 111 in Rastatt, der 31 Jahre hindurch die Kapelle leitete, um sie dann Georg Lohse, Kapellmeister im ehemaligen Füsilier-Regiment 40 weiter zu geben. Einer der Bermersbacher Musiker, Max Stößer, hat 1971 nach 15-jähriger aktiver Tätigkeit in der Kapelle, seine Erinnerung niedergeschrieben. Unter Kapellmeister Jäger hatte Stößer im Jahr 1919 mit dem Musikzieren begonnen. Dann kam Lohse, ein „Holzspezialist“, der die Kapelle mit einem Holzsatz ausstattete, der beim Preisspiel in Lichtental so rein und klar stimmte, dass die Preisrichter die Klarinetten untersuchten, ob da vielleicht besondere Hilfsklappen angebracht worden seien. In Durmersheim errangen die Bermersbacher mit einer Bearbeitung der Richard-Wagner’schen „Lohengrin“ einen 1a-Preis, in Gaggenau mit einer „Tannhäuser“-Fantasie dieselbe Qualifikation. Eine Woche später versuchten sich die Bermersbacher mit demselben Stück bei einem Preisspiel in Freudenstadt. Allerdings mit geringerem Erfolg, da – wie Stößer berichtete – die Schwaben allen Kapellen, die aus dem Badischen gekommen waren, zehn Punkte abzogen. Das gab Ärger! Auf Lohse folgte Oskar Friedel aus Karlsruhe, der für das Preisspiel in Kuppenheim Beethovens „Egmont“-Ouvertüre sich vorgenommen hatte. Doch er erschien – wie die Preisrichter feststellten – der militärisch geschulten Kapelle in Bermersbach nicht gewachsen. Gern würde der Autor aus diesen köstlichen Erinnerungen eines alten Bermersbacher Musikers mehr zitieren. Jedenfalls lässt sich daraus lernen, dass mehr Musikkapellen ihre altgedienten Musiker dazu ermuntern sollten, „Memoiren“ niederzuschreiben.

Während in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Bühlertäler Musikanten mit den Musikkapellen in Bühl oder Kappelwindeck musizierten, entschloss man sich, auf Drängen von Unterlehrer Schüle im Jahr 1862 zur Gründung einer eigenen Kapelle. Als Schüle zu Beginn der siebziger Jahre nach Mannheim-Neckarau versetzt wurde, übernahm Matthias die musikalische Leitung der Kapelle (bis zu seinem Tod im Jahr 1905). Rauber versah den Postdienst von Bühlertal nach Bühl und hatte damals noch mit dem Posthorn auf dem Kutschbock seine Signale auszublasen. Raubers Unterrichtsmethode ist erwähnenswert. Die jungen Musiker, die aus Bühlertal und auch aus anderen Gemeinden zu ihm kamen, mussten während der Proben „satt angelegte Halstücher und die angestrengte Kehle binden, damit sie gesundheitlich keinen Schaden erlitten und keine dicken Hälse bekamen“. Dass um 1870 sich in Hörden eine Blaskapelle erstmals hören ließ, erfuhr sogar der damals als Soldat in Frankreich kämpfende Vinzenz Schoch, der daraufhin unter anderem nach Hause schrieb: „Werte Kameraden, das habe ich nicht gedacht, dass ihr es in Hörden noch so weit gebracht habt (nämlich eine Musikkapelle zu gründen). Habt ihr so vieles Geld, so schickt den armen Soldaten auch etwas ins Feld. Mit Grüßen…“.

Mit dem Musikverein Bad Rotenfels befinden wir uns in jener Gründungsperiode von Blaskapellen, die nach dem deutsch-französischen Krieg und bis zum Beginn des ersten Weltkrieges in eine lange Phase des Friedens und des wirtschaftlichen Wohlstandes fällt. Im Jahr 1886 regte Brauereibesitzer Franz Anton Roth an, die bis dahin im Ort nur lose verbundenen Musiziergruppen in eine feste Bindung zu bringen. Die musikalische Leitung des Vereins übernahm Obermusikmeister Ruhmann, der vom ersten Auftritt zu Weihnachten 1886 bis zu seinem Tod im Jahr 1930 den Taktstock konsequent und mit Erfolg führte. Im Jahr 1981 feierte der Musikverein sein 90-jähriges Bestehen – und zugleich das 70-jährige Dirigentenjubiläum von Alfons Kirsch sen. und jun. Ein wohl seltenes Zeugnis musikalischer Kontinuität, die sich in den Leistungen des Klangkörpers spiegelte. Im Verband des Musikvereins entfalteten sich immer wieder kleinere Spiel- und Tanzmusikgruppen, wie die Muggensturmer Musikanten unter der Leitung von Klaus Mitschele. Am 3. November 1890 unterzeichneten zehn angehende Musiker in Anwesenheit des Bürgermeisters Fortenbacher, der die Unterschriften beglaubigte, einen Vertrag über ihre künftige Mitwirkung in der Musikkapelle Obertsrot. Mit diesem Vertrag verpflichteten sie sich zur regelmäßigen Teilnahme an Proben und Aufführungen, zur Bezahlung des noch festzusetzenden Betrages für die Instrumente, die Noten, und den Dirigenten, schließlich zur „Befolgung der Befehle und der Vorschriften des Dirigenten“. Die Lichtentaler Gesellenmusik stellte den Grundstock an Musikern bei der Gründung des Musikvereins Baden-Lichtental, den zunächst Militär- oder Orchestermusiker und in jüngerer Zeit das Südwestfunk-Orchester in Baden-Baden betreuten – und der durch seine Verankerung im geselligen Leben des geselligen Kurortes manche wichtige Aufgabe zu erfüllen hat. Eine Einschätzung, die ebenso für die 1900 gegründete Musikkapelle Neuweier gilt, die im Stadtkreis Baden-Baden wirkt.

In Bietigheim fanden sich versprengte Musiker 1901 zu einem Verein zusammen, doch führte der bei der Gründungsversammlung gefundene Name „Einigkeit“ keinesfalls zu kameradschaftlicher Zusammenarbeit. Nach der Teilnahme an Preisspielen in Muggensturm spaltete sich die „Eintracht“ von der „Einigkeit“ ab, so gab es fortan zwei Kapellen im Ort. Der erste Weltkrieg beendete sowohl die Tätigkeit der einen wie der anderen Kapelle. 1919 entstand die Musikkapelle der Freiwilligen Feuerwehr, doch schon ein Jahr später führte die Initiative des jungen und dynamischen Kaplans Heberich erneut zur Gründung einer Konkurrenz-Kapelle, nämlich des Katholischen Jugend- und Jungmännervereins. Aber es kam noch besser: Um 1930 trennen sich die Musiker der Feuerwehrkapelle von ihrem Schirmherren und nennen sich wieder „Einigkeit“. Als 1933 die katholische Kapelle zwangsweise aufgelöst wird, da wenden sich die Musiker der Feuerwehr zu – und so gibt es seit damals wieder eine Feuerwehrkapelle. Nur die Namen der Musiker haben gewechselt. Erst der zweite Weltkrieg beendete die manchmal gesunde, manchmal aber auch nutzlose, Konkurrenz zweier Kapellen in Bietigheim. Das Kuppenheimer Schloss diente der markgräflichen Familie als Jagdsitz. An die Treibjagden schlossen sich festliche Gelage, bei denen neben Hofmusikern wohl auch einheimische Musikanten aufspielten. Besonders reizvolle Feste wusste Markgräfin Augusta Sibylla zu veranstalten. Anlässlich der glücklichen Rückkehr ihres zweiten Sohnes, Prinz August Georg, aus Italien, gab es 1729 ein „chinesisches Fest“. Es begann mit einem Konzert. Während der Festtafel in der Eingangshalle spielten die Musiker in chinesischen Kostümen von der Galerie herunter. Da mochte es für den einen oder anderen Burschen schon Anregungen gegeben haben, den fürstlichen Musici nachzustreben. Seit 1780 unterrichtete der Lehrer Franz Josef Buchmeier in Kuppenheim nicht nur die Jugend im Lesen, Schreiben und Rechnen, er schlug dazu die Orgel und leitete die Kirchenmusik. Am 4. September 1810 nahm Großherzog Karl Friedrich an der Grundsteinlegung der neuen Kirche von Kuppenheim teil. Die Regimentsmusiker von Rastatt marschierten beim Festzug hinter den Sängerinnen. Auch solche Ereignisse scheinen die einheimischen Musiker beflügelt zu haben; denn zwei Jahre später erregten sie den Zorn der Pfarrherren. Als die Faschingsunterhaltung im Gasthaus zum Goldenen Engel gar zu heiter geriet und die Musikanten nicht um 0.00 Uhr des Aschermittwochs ihre Produktion einstellten, da erschien der erboste Pfarr-Rektor im Tanzlokal und zerschlug „in gerechtem Zorn“ mit seinem Stock die Musikinstrumente. Die Sache kam vor Gericht, und der Übeltäter erhielt eine Geldstrafe von 49 Gulden und 59 Kreuzern. 1850 schlossen sich drei Brüder Jörger, drei Brüder Braun und ein Eppele zu einer Blaskapelle in Kuppenheim zusammen, von der künftig oft die Rede ist. Zum Friedensfest 1871 gab es eine weitere neue Kapelle, 1880 bekümmerte sich der Militärmusiker Wilhelm Heß von den 111ern aus Rastatt um die Kuppenheimer Musizierwilligen. Der Militärmusiker Matthes fand demnach, als 1902 die Stadtkapelle Kuppenheim offiziell gegründet wurde, einen wohl bereiteten Boden vor. Übrigens gibt auch die Stadtkapelle Rastatt 1902 als Gründungsjahr an.

Ebenso wie im Karlsruher Verband, so setzt auch im Musikverband Mittelbaden nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eine Gründungswelle ein. Jahr für Jahr entstanden zwischen 1920 und 1926 neue Kapellen, die zwar zum Teil auf älteren Musikergruppen in den Gemeinden aufbauen, aber doch einen neuen Ansatz bilden. Sowohl in Balzhofen wie in Elchesheim, beide Kapellen konstituierten sich offiziell 1926, bestanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon Blaskapellen. In Balzhofen fanden sich unter Schuhmacher Albert Krampfert seit 1893 an die acht Musiker zusammen, um bei Familienfesten und kirchlichen Veranstaltungen aufzuspielen. In Elchesheim suchte der Bürgersohn Josef Heck seit den sechziger Jahren den entscheidenden Anstoß zur Gründung einer Blaskapelle zu geben. 1895 musizierten dort zwölf Mann unter der Leitung von Albert Herz. Eine Dorfmusik Haueneberstein umrahmte das Freudenfest zum Ende des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Lorenz Hertweck soll die Musik geleitet haben, die bei Prozessionen, Beerdigungen, Ständchen, Umzügen, weltlichen und kirchlichen Festen, aber auch als Tanzmusik an Fastnacht und zur Kirchweih sich entfaltete. Der heutige Musikverein Haueneberstein ist 1922 aus der so genannten „Fröhlichen Zunft“ hervorgegangen: Einer feucht-heiteren, im Jahr 1903 von den Reservisten des Jahrganges 1881 gegründeten, gemütliche Runde lediger Männer. In den wirtschaftlich nicht rosigen zwanziger Jahren scheint doch das Bedürfnis nach Unterhaltung sehr groß gewesen zu sein. Sonst könnte man sich schwer vorstellen, wie viel Geld manche Leute opferten, um eine Musikkapelle gründen zu können. Zumeist mussten Darlehen aufgenommen werden. So streckte Friedrich Göhring bei der Gründungsversammlung des Musikvereins Lautenbach im Murgtal im Jahr 1925 einen Betrag von 915 Reichsmark „zu einem mäßigen Zinssatz“ vor, um damit im Musikhaus Badenia Willy Essbach in Rastatt die ersten vereinseigenen Instrumente kaufen zu können. In Weitenung konnten 1927 zwar Musikinstrumente der bereits seit 1890 nachweisbaren Blechmusik und der „Walther-Kapelle“ übernommen werden, trotzdem hatte anlässlich der Gründung jeder aktive Musiker 20 Mark einzuzahlen (damals ein hoher Betrag), die Gemeinde bewilligte 200 Mark.

Wer Ötigheim erwähnt, erinnert an die Volksschauspiele dort: Die 1922 gegründete Musikkapelle zeichnete sich vielfach durch die Mitwirkung bei diesen weithin bekannten Volkstheater-Veranstaltungen aus. In Moos nahm Hermann Reith 700 Reichsmark auf, um im Jahr 1928 mit der Ausbildungs- und Probenarbeit beginnen zu können. Der Musikverein Trachtenkapelle Moos gehört heute zu jenen Kapellen des Blasmusikverbandes Mittelbaden, die durch die Wiederbelebung überlieferter heimischer Tracht ihre Verbundenheit mit bodenständigen Traditionen zum Ausdruck bringen.

 

Aktualisiert und übernommen aus „Blasmusik in Baden“. Mit freundlicher Genehmigung des Autors Prof. Dr. Wolfgang Suppan und des Verlags Bohne & Schulz, Konstanz.


Die Entfaltung des zivilen Blasmusikwesens:

Zum Teil sind es Bergmusikanten (wie bei der Schmelzemusik von Badenweiler-Oberweiler), deren Wirksamkeit bereits im 16. Jahrhundert nachweisbar ist, zum Teil geistliche und weltliche Repräsentations- und Signalmusiker in städtischen und kirchlichen Diensten, die als Vorgänger der einen oder anderen Blaskapelle seit dem 17. und 18. Jahrhundert für die Zuerkennung der Pro-Musica-Plakette von Historikern aus alten Urkunden herausgelesen werden; wobei im einzelnen oft nicht zu prüfen ist, in welcher Art, mit welchen Musikinstrumenten der Gottesdienst verschönert oder die Fronleichnamsprozession begleitet wurde. Die obrigkeitliche Erlaubnis, seine Stadt mit Mauern und Türmen zu umgeben, führte zunächst zu der Notwendigkeit, Stadt-Turner (Türmer) anzustellen, in besonderen Fällen zudem Trompeter als „Ehr und Zier“ des Gemeinwesens zu besolden – wie etwa 1417 in Konstanz, als der König selbst den Konstanzern dieses Privileg einräumte.Schließlich gehörten zu militärischen Einheiten stets Spielleute, Pfeifer und Trommler, die den Gleichschritt der marschierenden Truppe bewirkten, und Trompeter und Pauker, die der diffizileren Signalgebung und des Lärmblasens wegen die Truppe begleiteten. Überall in diesen Fällen handelt es sich primär um Gebrauchsmusik, dem außermusikalischen Zweck untergeordnet. Was nicht bedeutet, dass die einzelnen Musiker und Musikergruppen darüber hinaus an den Höfen, in den Städten, aber auch für die bäuerliche Bevölkerung des Landes zugleich zur Unterhaltung und zum Tanz aufspielen konnten.Von Blasmusik im zeitgenössischen Sinn mag man dort sprechen, wo größere Ensembles in der spezifischen Besetzung mit Holz- und Blechblasinstrumenten und unter Einbeziehung des „türkischen“ Schlagzeugs zusammengestellt werden: Dies trifft einerseits bei den riesigen „Klangkörpern“ der Freiluftveranstaltungen der Französischen Revolution zu, andererseits bei den immer mehr vom Prestigedenken der Regimentsinhaber geprägten Militärblasorchester des österreichischen und des preußischen Heeres. Wer dabei von wem gelernt hat, darüber weiß musikwissenschaftliche Forschung noch zu wenig Bescheid. Sicher ist, dass das türkische Instrumentarium seit den Türkenkriegen in Europa bekannt war. Die Konstruktion der Holz- und Blechblasinstrumente aber mit Klappen und mit Ventilen zu chromatischen Instrumenten erfolgte parallel zu den Bemühungen um die Vervollkommnung des Blasorchesters seit den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Das bedeutet: Erst die unzähligen Versuche in Paris, Berlin, Karlsruhe und Wien zwischen 1780 und 1840 führten zu jenen Instrumenten, die nach und nach die charakteristische Besetzung des heutigen Blasorchesters zu formen vermochten. Armeekapellmeister wie Wilhlem Wieprecht und Andreas Leohnhardt trugen die Hauptlast und die Verantwortung für diese Entwicklung, die auch zu einer spezifischen Literatur sowohl im Marschmusik- wie im konzertanten Bereich führte.


Und da zivile Bürgerwehren und Bürgermilizen als Abbild militärischer Formationen organisiert wurden, bedurften sie auch der Militärmusik, sowohl im Bereich der Signal- und Marschmusik, wie im Unterhaltungs- und Bildungssektor. Das beeindruckende Bild im Rathaus zu Staufen im Breisgau bezeugt im Jahr 1802 die Situation in dieser Übergangszeit vollumfänglich. Neben den älteren Spielgruppen hat da die Türkische Musik mit Holz- und Blechblasinstrumenten und mit dem Schellenbaum im Hintergrund Aufstellung genommen. Jede Formation ist ihrem Aufgabengebiet zugeordnet. Von Überlingen und Markdorf am Bodensee, von Engen im Hegau, von Stühlingen im Hochrheingebiet, von Staufen, Kirchhofen und Schopfheim im Markgräflerland, von Hüfingen auf der Baar und Villingen, Geisingen, Triberg im Schwarzwald, von Löffingen im Hochschwarzwald, über Waldkirch und Kenzingen im Oberbadischen und Wyhl am Kaiserstuhl bis nach Oppenau, Oberkirch und Rechen im Acher-Renchtal, bis Neudenau im Odenwald reichen die Zeugnisse für Türkische Musikkapellen, die als Bestandteile der paramilitärischen Formationen in Stadt und Land eine vielseitige Aufgabe erfüllten. Mit Sicherheit kann man diese Türkischen Musikkapellen als Vorläufer unserer Blaskapellen angeben; denn im Instrumentarium und in der Literatur bahnt sich darin die kommunale und musikalische Wirkweise unseres Blasorchesters an. Mit den in die 1848er-Unruhen mehr oder weniger verwickelten Bürgermilizen kam es nach der Niederschlagung der Unruhen im badischen Land zur Auflösung dieser Musikkapellen. Doch in der Regel entstanden unmittelbar daraus neue, auf privater oder anderer städtischer Basis organisierte Musikergruppen, die durch die nun erlassenen Gesetze die Möglichkeit erhielten, sich als juridische Personen zu formieren, nach polizeilich genehmigten Statuten auf geordnetes (und beobachtbares) Vereinsleben zu entfalten. Das Freiwillige-Feuerwehrwesen blühte auf. Viele Musikkapellen finden darin Förderung und Schutz, um als halboffizielle Institution aus allgemeinen Fördermitteln einen Teil ihrer finanziellen Unkosten ersetzt zu bekommen. Schließlich führt der siegreich beendete deutsch-französische Krieg von 1870/71 zu einer Welle der Begeisterung, zur Festesfreude und zu einer langen Periode des Friedens und des Wohlstandes, in der sich die zivilen Musikkapellen konsolidieren, in der Besetzung und Literatur zwar weiter vom Militärmusikwesen abhängig bleiben, doch in ihren Städten und Dörfern zu jenen eigengeprägten, gesellschaftlich und landschaftlich bedingten Aufgaben finden, die noch heute gelten. So sehr manche äußere Formen an das militärische Vorbild erinnern, so sehr wird zugleich deutlich, dass in bildungs- und kulturpolitischer Hinsicht die Wege sich getrennt haben. In diese Phase der Selbstfindung in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts fallen die ersten Bemühungen um regionale und überregionale Zusammenschlüsse. Das Sängerwesen und auch die Feuerwehren mochten dabei als Vorbilder dienen.


Als erster Blasmusikverband im deutschen Sprachraum entstand im Jahr 1892 der Breisgau-Markgräfler Musikverband im Raume Emmendingen – Freiburg – Krozingen – Buggingen, der sich schließlich bis Offenburg hin ausbreitete. Ein Jahr später, jedoch unabhängig von der Breisgauer Gründung, fanden sich im westlichen Bodensee- und Hegau-Raum jene Kapellen zusammen, die 1886 am großen Feuerwehrfest in Engen im Hegau teilgenommen haben und dabei die Vorteile eines überregionalen Zusammenschlusses Gleichgesinnter kennen gelernt hatten. In kurzen Abständen: 1898 im Raum Villingen-Schwennigen mit dem badischen und württembergischen Schwarzwaldgau, 1906 an der Dreiländerecke Lörrach mit dem „Musikverband für das Oberrhein-, Wehra- und Wiesental“ (heute: Alemannischer Musikverband), im Raum Achern – Renchen – Kehl – Rastatt mit dem Mittelbadischen Musikverband, folgten weitere Initiativen zu Verbandsgründungen.


Bis zum Beginn des ersten Weltkrieges versuchten die genannten Blasmusikverbände für sich allein die Interessen ihrer Mitgliedskapellen in der Öffentlichkeit und den politischen Instanzen gegenüber zu vertreten sowie das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit im Rahmen von Verbandsmusikfesten, Gesamtchören, Wett- und Preisspielen zu festigen. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden diese Verbände zum Teil neu, zum Teil aber lösten sich aus ihnen weitere selbständige Einheiten heraus: 1920 um Waldshut der Hochrheinverband, 1921 der Markgräflermusikverband, 1922 der badische Bodensee- und der Kinzigtalmusikverband und 1925 der Hochschwarzwaldverband. Alle genannten Verbände schlossen sich 1926 zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen.


Folgende Aufgaben stellte sich die Arbeitsgemeinschaft Oberbadischer Musikverbände in der Sitzung am 19. September 1926: „(1) Einheitliche Verbandssatzungen und möglichst gleiche Beiträge. (2) Abgrenzung der geografischen Grenze der einzelnen Verbandsgebiete. (3) Aufruf an diejenigen Vereine, welche noch keinem Verband angehören, sich dem Verbande ihres Gebiets anzuschließen. (4) Tritt ein Verein aus einen Verband aus, so darf er in den anderen Verband nur mit Zustimmung des ersteren Verbandes aufgenommen werden. Abtrünnige Vereine werden gegenseitig bekanntgegeben. (5) Beschaffung einheitlicher Anmeldebogen für die Aufnahme von Vereinen. (6) Vermittlung von Musikerstellen innerhalb der Vereine und Arbeitsbeschaffung für dieselben. (7) Vermittlung von Musikerausflügen mit möglichst Freiquartieren usf. (8) Einheitliches Arrangement der Verbandsmusikfeste, so dass unnötige Ausgaben vermieden werden. Austausch gemachter Erfahrungen. Angleichung der Einsatzgebühren und der Eintrittspreise um Wettspiel. Gleichstellung aller Musikvereine bei den Verbandsmusikfesten innerhalb der Arbeitsgemeinschaft. Abweisung von Vereinen, welche im Verbandsgebiet ihren Sitz haben, jedoch keinem Verbande angeschlossen sind, und Abweisung abtrünniger Vereine, welche im Verruf stehen. (9) Aufstellung gemeinsamer Listen guter und geeigneter Selbstwahlstücke für Verbandsmusikfeste nach den einzelnen Klassen geordnet. (10) Namhaftmachung guter Preisrichter, welche mit dem Wesen und Fühlen der Dilettantenmusiker vertraut sind und die einzelnen Leistungen auch gefühlsmäßig bewerten können und richtige Kritik ohne scharfe Worte zu üben verstehen. Regelung der Honorierung der Preisrichter. (11) Einheitliche Berechnung der Punktzahlen nach dem deutschen System. (12) Beschaffung und gegenseitiger Austausch von Gesamtchören usw. (13) Bekanntgabe der einzelnen Termine für die Verbandsmusikfeste, damit dieselben zeitlich nicht zusammentreffen. – Die Verbände halten an ihrer Selbständigkeit fest und regeln ihre internen Arbeiten für sich. Die Arbeitsgemeinschaft wird ehrenamtlich verwaltet.“


Folgende Verbände begrüßten die Schaffung der „Arbeitsgemeinschaft oberbadischer Musikverbände“, weil damit „für die einzelnen Musikvereine und deren Glieder eine segensreiche Einrichtung entstanden ist, welche zum weiteren Aufstieg und zu intensivster Pflege der Musik beitragen möge“:

 

Alemannischer Musikverband, Lörrach

Badischer Segau-Musikverband, Owingen

Bezirksmusikverband „Oberrhein“, Waldshut

Gau der Landkapellen des badischen und württembergischen Schwarzwaldes, Schwennigen

Kinzigtalgau-Musikverband, Biberach

Mittelbadischer Musikgau-Verband, Muggensturm

Musikverband „Hochschwarzwald“, Neustadt

Oberbadischer Musikvereinsverband, Emmendingen

Verband der unteren Markgräflermusikvereine, Bad Krotzingen

Oberschwäbischer Musikverband, Aulendorf (Gastverband)

Hegau-Musikverband, Singen (mit Vorbehalt)

 

Diese Liste bezeugt zudem, welche Blasmusikverbände damals in Baden existierten. Die Hauptversammlungen der folgenden Jahre in Lörrach (1927) und in Schwenningen (1928) führten zu einem Konsens über die zu formulierende Satzung, so dass 1929 in Waldshut und 1930 in Freiburg ein Beschluss darüber herbeigeführt und die endgültige Benennung der Arbeitsgemeinschaft in „Bund Südwestdeutscher Musikvereine“ beschlossen werden konnte. Die oberbadische Musikzeitung erhielt den Titel „Bundeszeitung“. Seit 1. Oktober 1928 gab es zudem einen Pauschalvertrag mit der STAGMA (der heutigen GEMA), der den einzelnen Vereinen die hohen Gebühren für einzelne Veranstaltungen ersparte und dafür jährliche Zahlungen je nach Kapellenstärke zwischen 7,50 und 30 Reichsmark vorsah. Emil Dörle schuf den Bundesfestmarsch Nr. 1, der beim ersten Bundesmusikfest im Jahr 1930 in Schwenningen zur Aufführung gelangen sollten. Doch die wirtschaftlich immer schwieriger werdenden Zeiten verhinderten dieses Fest. 1932 musste sich der Bund überdies an das badische Ministerium des Inneren wenden, um die Bezirksämter zu veranlassen, bei der Prüfung der Gemeindevoranschläge die für die Musikkapellen vorgesehenen Zuschüsse nicht zu streichen und den Gemeinden Mittel zuzuführen, damit die Musikkapellen weiterhin ihren musikalisch-gesellschaftlichen Auftrag erfüllen könnten.

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